In 19 Bildern durch den Kosovo

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3 Wochen mit Handgepäck per Anhalter, Minibus und Zug durch den Kosovo:

Der geschichtliche Hintergrund in Kürze

Auch knapp zwei Jahrzehnte nach Kriegsende ist der Kosovokrieg wohl immer noch das erste, woran die meisten Menschen denken, wenn man von einer Reise in das jüngste Land Europas berichtet. Und ehrlich gesagt war es bei uns nicht anders. Zu präsent waren die schrecklichen Bilder von Krieg, Leid und Flucht, die zu unserer Kindheit in den 90ern über den Bildschirm flimmerten. Viele vom Krieg Betroffene sind damals nach Österreich, in die Schweiz oder nach Deutschland geflüchtet, die sogenannten Kosovo-Albaner. Seit 2008 ist der Kosovo unabhängig, allerdings nach wie vor nicht, wie damals von den USA indirekt versprochen, bei allen Ländern als eigenständiges Land offiziell anerkannt.

Eine Reise durch den Kosovo
Bill Clinton Statue am Bill Clinton Boulevard in Pristina

Die Situation heute

Derzeit erkennen 111 von 193 UN-Mitgliedsstaaten den Kosovo als eigenständiges Land an, darunter die USA und die Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten. Unter anderen Russland, Serbien, Griechenland, Spanien und die meisten asiatischen Ländern lehnen die Unabhängigkeit des Kosovo noch immer ab. Dies macht das Reisen in andere Länder für die Kosovaren äußerst schwierig.

Während unserer zweimonatigen Reise durch Serbien im Sommer 2015 haben wir bereits einige Informationen und verschiedene Sichtweisen zum Kosovokonflikt sammeln können. Wer den kompletten Hintergrund verstehen möchte, für den habe ich eine YouTube Playlist mit den meiner Meinung nach besten Dokumentationen zu diesem Thema zusammengestellt. Die von verschiedenen Perspektiven gemachten Dokus vermitteln ein umfassendes Hintergrundwissen, die Reise in die beiden Länder, sowie die Gespräche mit den Menschen vor Ort, haben uns zusätzlich aber noch besser verstehen lassen, welche Auswirkungen der damalige Konflikt auch heute noch hat.

Reise in den Kosovo

Pristina – eine Stadt im Aufbruch

Nun aber zurück zum Thema Reisen im Kosovo: Wir sind gespannt, als es für uns mit dem Minibus von Skopje aus in die kosovarische Hauptstadt geht. Diese Fahrt wird nahezu stündlich angeboten, dauert gut zwei Stunden und kostet um die 5 Euro. Und wir sind absolut überrascht. Fasziniert kleben wir mit unseren Nasenspitzen an der Scheibe und staunen über all die vorüberziehenden produzierenden und dienstleistenden Gewerbe, die sich kilometerweit bis vor die Stadt erstrecken. Am Busbahnhof angekommen stürzen sich wie gewöhnlich die Taxifahrer auf uns. „Hello, taxi!?“ Wie immer lehnen wir dankend ab und erschließen uns den Weg ins Zentrum lieber zu Fuß. Vorbei geht es an Plattenbauten, vielbefahrenen Straßen, zahlreichen kleinen Shops und Läden, Cafés und Restaurants, die alle gut besucht sind. Die Menschen hier kommen sehr westlich daher. Vor allem die Frauen sind hübsch zurechtgemacht, tragen kurze Kleider, High-Heels und viel Makeup. Die balkanische Männerhandtasche hat auch hier schon lange Einzug gehalten.

Reise in den Kosovo

Abgesehen von einigen bruchfälligen Gebäuden und Bettlern würde man nicht sofort vermuten, dass die Arbeitslosigkeit im Kosovo immer noch enorm hoch ist.

Reise in den Kosovo

Nach einer guten halben Stunde Fußweg checken wir im Han Hostel ein. Hoch oben in einem unscheinbaren Gebäude direkt in der Innenstadt gelegen, bietet sich uns von hier ein toller Blick über Pristina. Am Abend werden wir direkt auf ein Bier eingeladen, bevor wir mit einem super witzigen Kurden, einer Schweizerin und ein paar Locals um die Häuser ziehen. Essen gehen ist in Pristina sehr preiswert. Ein großer Burger für gerademal 1 Euro, für Babs gibt‘s die vegetarische Variante (also ohne Fleisch-Patty) für nur 50 Cent.

Eine Reise durch den Kosovo

Reise in den Kosovo

Am nächsten Tag kommen wir in den Genuss der eigens vom Hostel angebotenen Stadtführung. Wir haben Glück, denn wir sind nur zu viert und haben so die Möglichkeit viele Fragen zu stellen. Es geht zum Großen Hammam, über den weitläufigen lokalen Markt, zu diversen Moscheen, zum Skanderberg Platz, zur architektonisch einzigartigen Bibliothek und natürlich zum Newborn Denkmal. Still werden wir voller Ehrfurcht, als wir vor dem Regierungsgebäude stehen bleiben. Hier hängt ein Banner mit unzähligen Fotos von Personen, die seit dem Krieg vermisst werden. Die Bilder wurden von den Familien der Verschollenen zur Verfügung gestellt als Protest und Aufruf an Serbien, die Akten zu öffnen. Bekanntermaßen haben die USA dazu beigetragen dem Kosovokrieg nach Monaten des Leids und der sogenannten ethnischen Säuberung durch Slobodan Milosevic ein Ende zu bereiten. Als Dank wurde Bill Clinton in Form einer Statue verewigt, amüsanter Weise mit viel zu großer Hand. Und nicht nur das. Zahlreiche kosovarische Jungen wurden sogar nach Bill Clinton oder Toni Blair benannt.

Reise in den Kosovo

Reise in den Kosovo

Drei Tage in dieser lebhaften und vielseitigen Stadt gehen zu Ende. Vom unscheinbaren Bahnhof Pristinas geht unsere Kosovoreise weiter in den äußersten Westen des Landes, ganz nah an die montenegrinische und die albanische Grenze, nach Peja. Für 3 Euro fährt man mit dem Zug gemütlich zwei Stunden lang durch die schöne Landschaft.

Reise in den Kosovo

Peja – Stadt bei den grünen Bergen

Allzu schön finden wir Peja auf den ersten Blick nicht, aber wir werden uns noch in diese kleine Stadt verlieben. Als wir im Hostel Saraç ankommen, begrüßen uns vier kleine Kätzchen übermütig und vertrauensvoll. Babs ist im Katzenhimmel, ich glaube hier werden wir länger bleiben. Das Hostel an sich ist auch super schön: Große Räume, viel Platz, Ruhe und ein wunderschöner Garten. Geführt wird das Hostel von den Brüdern Egzon und Emin, die zu Beginn etwas reserviert auf uns wirken, aber nach kurzer Zeit doch auftauen. Mit ihnen führen wir viele lange Gespräche über die Situation im Kosovo, die Geschichte des Landes und natürlich Politik. Wir sind froh und dankbar, denn es gibt wohl nichts Besseres als sich von Einheimischen einen authentischen Einblick in die Situation eines Landes geben zu lassen.

In Peja kann man unglaublich viel unternehmen. Neben dem Patriarchenkloster Peć lohnt sich ein Ausflug in die Rugova Schlucht. Hier gibt es eine Zipline, man kann hervorragend klettern und wandern. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass die Region gerade für Abseiler und Klettersteigfans ein echtes Eldorado ist. Peja ist auch der perfekte Ausgangspunkt, um sich auf den Fernwanderweg Peaks of the Balkans zu begeben. Die Berge hier sind wirklich wunderschön. Man kann auch einfach versuchen zu trampen und sich mit etwas Glück von einem Einheimischen mit hoch in die Berge nehmen zu lassen, so wie wir es getan haben.

Reise in den Kosovo

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An einem anderen Tag haben wir uns die zwei Fahrräder vom Hostel geschnappt (5 Euro p.P.) und sind zum White Drin Wasserfall geradelt. Der Wasserfall an sich ist schon sehr beeindruckend und bietet eine willkommene Abkühlung an heißen Tagen. In der Höhle haben wir eine geführte Tour gemacht und sind für 7 Euro pro Person mit Helm und Lampe 90 Meter tief hinab geklettert. Ziemlich aufregend. Hierfür empfiehlt sich warme Kleidung, da es in der Höhle gerade mal 10 Grad sind.

Reise in den Kosovo

Richtig gut und günstig essen gehen kann man in Peja im King’s und im Restaurant Aroma. In letzterem ist das Risotto sehr empfehlenswert. Als Dessert solltest du dir unbedingt den Pudding Profiterol gönnen – unfassbar schokoladig und wohl allein schon eine Reise wert!

Eine Reise durch den Kosovo

Eine Reise durch den Kosovo

Dank des Hostels und den beiden Brüdern Egzon und Emin haben wir uns in Peja so wohl gefühlt, dass wir ganze zwei Wochen geblieben sind. Nachdem wir schweren Herzens Abschied genommen haben, geht es mit dem Bus für ca. 4 Euro weiter ins zwei Stunden entfernte Prizren.

Prizren – osmanische Architektur und orientalisches Flair

Nach der schönen und intensiven Zeit, die wir in Peja hatten, hätte es wohl jeder Ort schwer gehabt uns zu gefallen. Die erste Nacht in Prizren verbringen wir im City Hostel, welches wir leider nicht empfehlenswert finden, da es von der – zugegebenermaßen sehr schönen – Dachterrasse nachts unfassbar laut war. Daraufhin wechseln wir in Driza’s House. Dieses Hostel liegt etwas versteckt und versprüht einen familiären Charme.

Prizren besticht vor allem durch seine osmanisch geprägte Architektur. Die Festung, die Sinan-Pascha-Moschee sowie die Steinbrücke bieten perfekte Fotomotive, ziehen aber eben auch viele andere Touristen an. Deswegen ist es für uns auch ausreichend lediglich einen Tag in Prizren zu verbringen.

Reise in den Kosovo

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Mitrovica – die geteilte Stadt

Nach Mitrovica haben wir es leider nicht geschafft. Die Stadt ist aber vor allem so interessant, da der kleine nördlichere Teil, der an Serbien grenzt, überwiegend serbischsprachig und der größere südliche Teil, albanischsprachig ist. Auch administrativ bildet die durch den Fluss Ibar geteilte Stadt eigenständige Gemeinden. Die Spannungen im Kosovo sind in Mitrovica wohl am ehesten wahrnehmbar.

Weitere Tipps und Wissenswertes:

  • Wer sich für den Kosovo und die Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens interessiert, sollte sich die folgenden Reportagen unbedingt anschauen. Hier geht’s zur YouTube Playlist.
  • Auf der Seite BalkanViator findest du alle Abfahrtszeiten von Bussen und Bahnen für die Balkanregion. 
  • Sage besser nie die bekannte Floskel „Kosovo is Serbia“! Hierzu der aktuellste Konflikt
  • Für Aktivitäten, geführte Touren, Verleih von Kletterequipment sind vor allem drei gute Veranstalter zu empfehlen: Outdoor Kosovo, Balkan Adventure und Balkanvibe.
  • Wanderfreunde sollten auf jeden Fall den Cross Country Trail Peak of the Balkans ausprobieren.
  • Man kann sehr gute per Anhalter fahren.
  • Offizielle Währung ist der Euro.
  • Sobald du als westlicher Tourist erkannt wirst, wollen die meisten nur dein Geld. Ziemlich nervig im Kosovo. Extremes Handeln ist empfehlenswert! Ein Viertel bis ein Drittel vom vorgeschlagenen Preis sollte der Endpreis sein.
  • Fast jeder Kosovare hat mindestens einen Familienangehörigen, der in der Schweiz, Österreich oder Deutschland lebt und arbeitet.
  • Einen Stempel für deinen Reisepass gibt es wenn überhaupt nur auf Nachfrage.
  • Gereist sind wir mit dem super praktischen Handgepäcksrucksack Osprey Farpoint 40 *

Weitere Berichte über den Kosovo:

Die Kosovarische Reisebloggerin Larissa a.k.a BlondeGypsy kommt aus Pristina. Auf ihrem Blog oder in dieser Facebook Gruppe findest du weitere Antworten auf deine Fragen zum Kosovo und allen anderen Ländern auf dem Balkan, Osteuropa und der UDSSR. Außerdem haben Steffi und Lui von Comewithus2 den Kosovo per Campervan bereist. Außerdem war Julia vom meinweltbuch ebenfalls vor kurzem in der Hauptstadt Pristina und hat auf ihrem Blog darüber berichtet.

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Eine 3-wöchige Reise durch den Kosovo

*Der Amazon Link ist ein sogenannter Affiliate Link. Wenn du über ihn etwas kaufst, entsteht dir kein Nachteil, aber ich bekomme eine kleine Provision für meine Arbeit 🙂

Aufgewachsen in der deutsch-niederländischen Grenzregion, verließ ich früh mein Elternhaus, studierte Tourismus in den Niederlanden und begab mich auf die Reise. Getrieben von Neugier, Abenteuerlust und auf der Suche nach neuen Herausforderungen, komme ich immer wieder irgendwo an, bleibe und ziehe weiter sobald mich mein Bedürfnis nach Veränderung zum Aufbrechen zwingt. One Lebenskapitel at a time.

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