9.000km mit dem Rad durch Europa – Tim erzählt über sein Sabbatical

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Tim erzählt, wie er sich bei seinem Unternehmen ein Sabbatical genommen hat und sich damit einen Traum erfüllt hat: Eine 9.000 km Radreise durch Europa.

Über die Facebook Gruppe Radreisen bin ich letzten Sommer auf Tim von Rad-Sabbatical aufmerksam geworden. Er war zu dem Zeitpunkt im Rahmen seines Sabbaticals am Ostseeküstenradweg im Baltikum unterwegs, den ich ebenfalls plante zu radeln. Kurzer hand kontaktierte ich ihn um mir ein paar Erfahrungen und Tipps zu erfragen. Mittlerweile haben wir regelmäßig Kontakt um uns über unsere Radtouren und Strecken auf dem Laufenden zu halten. Da uns die Leidenschaft des Radreisens und Bloggens verbindet, und ich neugierig bin, wie das mit Tim’s Sabbatical von statten ging, habe ich ihm ein paar Fragen gestellt. Herausgekommen ist ein inspirierendes und informatives Interview.

Tim, stell dich doch kurz vor

Mein Name ist Tim Luprich und im Jahr 2017 habe ich mich entschieden, eine Auszeit von meinem langjährigen Berufsleben zu nehmen. Seit langem träumte ich davon, dem sogenannten „Hamsterrad“ zu entfliehen und die Welt mit dem Fahrrad zu bereisen. Nachdem ich lange mit mir gehadert habe, entschloss ich mich letztendlich im April 2017 die Reise meines Lebens zu beginnen und mit dem Fahrrad über 9.000 Kilometer zu fahren. Von unterwegs kündigte ich schließlich meinen Job und richtete mein Leben neu aus.

Was hat dich zu einem Sabbatical inspiriert und wie funktionierte das in deinem Unternehmen?

Zum Zeitpunkt zu dem ich das Sabbatical begonnen hatte war ich bereits seit 14 Jahren in der Finanzbranche tätig, habe die Höhen und Tiefen des Berufslebens genossen, aber mich auch nicht auf die faule Haut gelegt, sondern beispielsweise nebenberuflich Studiert und mich in IT Themen weitergebildet. Die Berufsausbildung hatte im Alter von 16 Jahren begonnen und war seitdem ununterbrochen angestellt. Während den Jahren wuchs dann doch die Sehnsucht, mehr von der Welt zu sehen, als es in einem Urlaub von normalerweise 2 Wochen möglich ist. Mein Arbeitgeber hat zu diesem Zeitpunkt ein Kontensparmodell angeboten. Das bedeutet, dass ich in einer Ansparphase mehrere Monate auf einen Teil meines Bruttogehalts verzichtete. Dieser Teil wurde auf ein separates Konto gespart um mein Gehalt während der Auszeit von diesem Konto zu beziehen. Der Vorteil dieses Modells ist, dass ich auch während des Sabbaticals weiterhin als im Unternehmen angestellt war, nur kein offizielles Gehalt bezog, sondern von meinem Sabbatical Konto lebte. So entfallen Themen wie die Sozialversicherung oder, was dann in meinem Fall doch anders gekommen ist als geplant, sich nach der Auszeit einen neuen Job suchen zu müssen.

Tim Luprich - Rad Sabbatical Blog

Wie kamst du auf die Idee eine 9.000 km Radreise durch Europa zu machen?

Zum Reisen mit dem Fahrrad bin ich bereits vor einigen Jahren gekommen. Angefangen hat alles mit einer einfachen Bodenseeumrundung mit meinen besten Freunden. Es folgten noch weitere Radreisen unter anderem den Donauradweg von Passau nach Budapest über Wien und Bratislava sowie eine Alpenüberquerung von Stuttgart nach Venedig – die komplette Strecke ausschließlich auf zwei Rädern. Danach dachte ich mir, dass ich das Gefühl so frei zu sein gerne einmal länger genießen würde, als nur ein für paar Wochen im Jahr. So hatte ich dann schließlich eine Tour geplant die etwas mehr als 9.000 Kilometer fasste, mir aber genug Spielraum für spontane Ideen lies. Beispielsweise hatte ich ursprünglich nicht vor, nach Moldawien zu reisen, unter dem ich mir bis dato überhaupt nichts vorstellen konnte. Herausgestellt hat sich, dass es einer der beeindruckendsten Erlebnisse meines Lebens geworden ist.

Welche Länder haben dich am meisten überrascht und was waren deine schönsten Momente?

Viele schöne Erinnerungen haben natürlich mit den Menschen zu tun, die ich auf der Reise getroffen habe. So ist mir die Hilfsbereitschaft des Besitzers eines Imbisses in Serbien immer noch im Gedächtnis geblieben. Ich hatte dort gerade etwas zu essen bestellt und fragte beiläufig, ob er eine Unterkunft in der Nähe kennt in der ich die Nacht verbringen könnte. Das alles gestaltete sich schwierig, da wir aufgrund der unterschiedlichen Sprachen nicht wirklich miteinander sprechen konnten und die Kommunikation daher mit Händen und Füßen stattfand. Doch er verstand mein Bedürfnis nach einer Unterkunft, schloss sofort seinen Imbiss und begleitete mich bis zu einer Pension. Eine andere schöne Erinnerung ist an einer Bushaltestelle in Moldawien. Hier machte ich gerade eine kurze Pause und kochte etwas zu essen, als eine Frau die sich mir als Maria vorstellte zu mir gesellte. Für sie muss es einen eigenartigen Eindruck gemacht haben, wie ich dort mit meinem Gaskocher saß und im Freien etwas kochte. Sie verschwand relativ schnell nach unserem Gespräch nur um mir kurzerhand Käse, Brot, Gurken und Eier vorbei zu bringen um mich zu stärken. Wir unterhielten uns noch lange über die Verwandten die sie in Frankfurt am Main hat. Das waren nur wenige der vielen genialen Momente an die ich zurückdenke.

Gab es auch harte Zeiten?

Natürlich hatte ich auch immer wieder Heimweh auch wenn ich gleichzeitig dankbar dafür war, dieses Erlebnis in den Momenten erfahren zu dürfen. Besonders habe ich meine Familie und meine Freundin vermisst.

Tim Luprich - Rad Sabbatical Blog

Du hast im Anschluss das „Fahrrad Camping Kochbuch“ Buch geschrieben. Erzähl uns darüber.

Die Idee kam mir während der Reise, als ich mich erwischt hatte, dass ich mir immer wieder das gleiche Essen zubereitet habe. Wenn man wie ich nur mit dem Fahrrad, Zelt und Ausrüstung unterwegs war muss man sich bezüglich des Gewichts und des Packmaßes deutlich einschränken. Im Internet konnte ich nur wenige Gerichte finden die sich mit dieser Thematik beschäftigten und gleichzeitig lecker und schnell zuzubereiten waren. Da habe ich es kurzerhand selbst in die Hand genommen, mir Gedanken zu leckeren Gerichten gemacht und die Zubereitung ausprobiert. Ich muss sagen es hat sich gelohnt. Denn nun konnte ich beides verbinden, das Erlebnis des Kochens, und das an Orten, die abseits lagen und mich beeindruckten. Mit dem Buch teile ich diese Möglichkeit mit allen Radreisenden die es genauso mögen, Autark und Flexibel zu sein.

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Was hast du für dich persönlich von deinem Sabbatical gelernt?

Hätte ich das Sabbatical nicht gemacht wäre ich wahrscheinlich immer noch im selben Beruf hängen geblieben wie vorher. Ich brauchte wohl etwas Abstand zu den Dingen um letztendlich loslassen zu können und zu realisieren, was mir tatsächlich wichtig ist. Zeit mit meiner Familie zu verbringen oder für die eigenen Ziele zu arbeiten. Ich wollte immer weniger in die alten Strukturen zurückkehren. Als ich ganz allein im Wald in Bulgarien unterwegs war, dachte ich mir: Wenn du das hier schaffst, dann wird’s ja wohl was Leichtes sein, eine neue Arbeit zu finden, die dich glücklicher macht – und habe nach drei Monaten gekündigt. Mein Chef war natürlich enttäuscht, aber ich habe ein Freiheitsgefühl gespürt, dass ich bisher nicht kannte.

Tim Luprich - Rad Sabbatical Blog

Du bist nun wieder im 9 to 5 Business, aber hast schon wieder neue Ideen!?

Um eine neue Stelle habe ich mich erst nach meiner Rückkehr gekümmert. Dabei war mir klar, dass ich nicht mehr nur eine Nummer in einem großen Konzern sein wollte. Mir schien ein kleineres Unternehmen, in dem ich Entscheidungen direkter bewegen kann genau richtig. Über Freunde habe ich dann einen Job in etwa derselben Branche gefunden. Im Nachhinein war das genau der richtige Schritt.

Neue Ideen habe ich einige und derzeit plane ich, mit einem neuen Buch den Menschen die Angst vor dem Schritt zu nehmen, sich eine Auszeit zu realisieren. In den Gesprächen mit Freunden und Bekannten kam immer wieder die Nachfrage, wie man ein Sabbatical organisiert und finanziert. Dabei ist mir aufgefallen, dass einige den Eindruck haben, es sei extrem kompliziert in Deutschland eine Auszeit zu realisieren. Doch mit ein bisschen Know-How und Planung kann es jeder schaffen der es wirklich möchte. Meine Skills aus der Finanzbranche möchte ich hier ganz bewusst mit dem Thema Sabbatical verbinden um aufzuzeigen, dass jeder sich diesen Traum erfüllen kann.

Was sind deine Tipps, für alle, die sich auch mal ein Sabbatical nehmen wollen. Wie geht man am besten vor?

Zuallererst rate ich in den Gesprächen immer, sich bewusst zu werden, wie wichtig einem ein Sabbatical wirklich ist. Ist es nur ein schöner Traum wie man sich ein schönes Auto oder ein neues Sofa wünscht? Denn nur wenn man es wirklich bewusst will kann man diesen Schritt gehen. Der Rest ist reine Organisation, Koordination und letztendlich am wichtigsten – der Mut ist auch zu tun. Allen Menschen die den Schritt wagen möchten aber noch nicht ins Handeln gekommen sind habe ich ein klares Statement: Macht es! Es lohnt sich.

Vielen Dank für deine Zeit und das informative und inspirierende Interview lieber Tim!

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Hallo, ich bin Matthias und reise gerne fernab der Massentourismuspfade, aktiv und abenteuerlich, aber zugleich auch genussvoll und entschleunigt. Außerdem unterstütze ich verantwortungsbewusstes Reisen und nachhaltige Tourismuskonzepte. Auf diesem Blog findest du neben Reiseberichten und Tipps auch Interviews, Gedanken, Gastartikel und viele Eindrücke zum Reisen mit dem Fahrrad.

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