Ach Neuseeland, mein Sorgenkind!

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„Wenn man auf Reisen ist“ ist eine Kurzgeschichte a.k.a. Statusbericht unseres Trips, der zeigt, welche potentiellen Probleme bei einer Langzeitreise durch Neuseeland entstehen können.

Seit Mitte Oktober befinden wir uns in Neuseeland. Lange habe ich überlegt, ob ich diesen Artikel veröffentlichen soll, da er einen faden Beigeschmack hat. Andererseits bin ich mir sicher, dass es auch andere Reisende gibt, denen schon mal ähnliches passiert ist.

Ich habe ja schon in meinem letzten Artikel angekündigt, dir demnächst zu erzählen, warum unsere Wohnsituation hier in Whitianga so beschissen war, und dass wir leider nicht weiterreisen konnten, da unser Auto keinen weiteren „TÜV“ bekommen hat. Eineinhalb Monate, die uns wie eine Ewigkeit erschienen, und unsere Nerven wahnsinnig strapaziert haben, so sehr, dass wir sogar so weit waren, Neuseeland ganz zu verlassen.

Nun genug des Vorgeplänkels, ich erzähl einfach mal:

Whitianga (10. Dezember 2016 bis heute, 15. März 2017). Es ist Hochsaison und wir haben einen Job in einem hübschen Urlaubsresort gefunden. Leider nur ein Teilzeitjob, aber das ist schon ok, da ich so nachmittags am Blog arbeiten und die Gegend erkunden kann. In der Hochsaison wächst Whitiangas Bevölkerung mal eben von 3.000 auf 15.000 Einwohner. Wohnungsknappheit ist somit garantiert.

Nachdem wir eine Woche auf einem viel zu überteuertem Campingplatz gelebt haben, finden wir eine auf den ersten Blick bessere Bleibe. Ein ca. 12qm großes Zimmer bei einem Arbeitskollegen. Hier beginnt dann die Misere.

Wir leben nun also bei einem 63-jährigem, nonstop redendem, pseudo belehrendem Dauerkiffer. Es vergeht keine Minute, in der er uns nicht irgendwelche Geschichten aus seiner Vergangenheit erzählt. Durch die Kifferei und den Gedächtnisverlust ergibt kaum eine seiner Geschichten auch nur ansatzweise Sinn. Seine Monologe und Übergriffigkeiten sind nerviger als alles andere.

Leider fühlt er sich immer sofort angegriffen, wenn wir dann mal „weg müssen“ oder keine Zeit haben zuzuhören. Es geht schon morgens auf dem Weg zur Dusche los, und wenn wir uns nach der Arbeit bei einer Serie mit Kopfhörern in den Ohren entspannen wollen, setzt er sich daneben und fängt an zu brabbeln. Ein Nein kennt er nicht. Empathie gleich null! Wenn er redet, müssen alle zuhören, sonst ist er beleidigt und wird ausfallend. Ein Narzisst? Wahrscheinlich. Kiffen tut er auch vor seinem 12-jährigen Sohn und dessen Freunden.

Ich nenne ihn einfach mal Jim. Jim war bereits zwei Mal im Knast. Einmal wegen Drogenhandels und das andere Mal wohl wegen sexueller Belästigung. Er ist stadtbekannt und belehrt alles und jeden inklusive seiner Kinder, Nachbarn, Arbeitskollegen und seiner drei muslimischen Ex-Frauen. Stundenlang chattet er online mit minderjährigen Mädels.

Einen Teil seiner Garage vermietet Jim an einen ebenfalls Mitte 60-jährigen Alkoholiker, der des Öfteren direkt vor die Haustür pinkelt und trotz der sehr bescheidenen Unterkunft ein BMW Cabrio fährt, um Frauen aufzureißen. Ich nenne ihn hier einfach mal Paul. Paul wurde innerhalb von vier Tagen zwei Mal nachts vom Krankenwagen nach Hause gebracht, lädt sich gelegentlich Prostituierte ein, und war in eine Schlägerei verwickelt. Wenn Jim mal wieder vergessen hat abends die Haustür zu verschließen, sitzt Paul morgens bei uns im Wohnzimmer und wartet bis jemand wach ist, der ihm Kaffee macht. Nachts schaut er Sport und jubelt so lautstark mit, dass alle Nachbarn aufwachen. Im Garten lebt eine Ziege. Sie scheint mir das einzig normale Lebewesen hier zu sein.

 

UPDATE 10. April 2017:
Oh mein Gott, alter! Ich glaube es nicht. Jetzt wo wir gerade wieder zurück in Deutschland sind, wird mir das hier zugeschickt: Der „Jim“ hat es doch tatsächlich mit seiner verrückten Art über Nacht in die nationale Presse geschafft. Er wurde dabei gefilmt wie, …ach seht selbst. Hier ist das Video von Gaz Walden was es in nur fünf Stunden in den NZ Herald, NewsHub und Stuff.co.nz geschafft hat! Ich kann nicht mehr, so hab ich lachen müssen 😀

Die Rettung

Nach sieben endlos langen Wochen erhalten wir endlich die erlösende Nachricht, die uns ein riesiges Lächeln ins Gesicht zaubert. Eine unserer lieben Arbeitskolleginnen bietet uns ein hübsches, gemütliches Zimmer zur Untermiete an. Wir sind wahnsinnig erleichtert, und bald nach dem Umzug entscheiden wir uns voller Zuversicht auch dazu, das Auto nun doch noch mal reparieren zu lassen und unsere Neuseelandreise fortzusetzen.

Aber dann…

Das Auto zu behalten entpuppt sich allerdings als Fehlentscheidung. Bei einem Tagesausflug kurz nach der Reparatur geht der Kühler kaputt. Zum Glück haben wir es noch in die Werkstatt geschafft. Nach dieser erneut viel zu kostspieligen Reparatur, und da wir ohnehin kein Vertrauen mehr in das Auto haben, entschließen wir uns nun endgültig dazu das Auto einfach nur noch loszuwerden. Zu oft musste es in die Werkstatt und viel zu viel Geld haben wir bereits investiert. Es ist einfach super unzuverlässig und frisst unsere Ersparnisse. Wir sind bereits seit Mitte Dezember, also seit drei Monaten hier. Was anfangs als Job zur Verbesserung der Reisekasse gedacht war, ist mittlerweile zum Projekt „Finanziellen Verlust verringern“ geworden. So schön und abenteuerlich Neuseeland auch ist – und das verraten vor allem meine Bilder auf Instagram und Facebook – die andauernden Probleme, Wartezeiten, die Ungewissheit und nicht zuletzt Rechnungen, die das Auto verursacht hat, haben unseren Aufenthalt in Neuseeland leider von Anfang an immens getrübt. Ich weiß aber auch, dass die meisten Reisenden, die hier ein Auto kaufen und einen Roadtrip durch dieses atemberaubende Land machen, die wohl coolste Zeit ihres Leben haben. Daher ist unsere Situation hier bestimmt nur ein Ausnahmefall…

Ich werde es einfach unter „Shit happens, Pech gehabt und viel Lehrgeld gezahlt“ verbuchen. In den letzten Jahren, und vor allem bei unserer Radreise durch Osteuropa vor knapp zwei Jahren, hatten wir so viel Glück und eine wahnsinnig tolle Zeit, so dass es vielleicht auch nur eine Frage der Zeit war, bis Probleme eine Reise überschatten.

Für alle die sich fragen, warum wir nicht schon früher gegangen oder bei Jim ausgezogen sind:
Wir hatten es leider überhaupt nicht in der Hand. Whitianga, einer DER Urlaubsorte in Coromandel war restlos ausgebucht. Das Auto fuhr nicht mehr und auf Termine bei Mechaniker, Karosseriebauer und und Elektroniker mussten wir Wochen warten und dann hat es auch nochmal gedauert, bis spezifische Ersatzteile geliefert wurden. Dazu kamen immer weitere Zusatzdiagnosen…
So „out of control“ habe ich mich in meinem Leben noch nie gefühlt. Und so an einem Ort und in einer Situation gefangen, war ich bisher auch noch nie…

Vor kurzem passiert dann aber noch Oberknaller. Babs weist Jim auf der Arbeit darauf hin, dass er eine Sache vergessen hat, woraufhin Jim völlig ausrastet, sie beleidigt und attackiert. Wir vermuten, dass er noch immer angepisst ist, dass wir bei ihm ausgezogen sind und er nun kein extra Einkommen mehr durch uns hat. Hinzu kommt, dass er Frauen offensichtlich lieber dominiert, als sich etwas von ihnen sagen zu lassen. Daher auch seine Vorliebe für muslimische Frauen, wobei auch die es offensichtlich nicht lange mit ihm ausgehalten haben.

Nun ja, trotz aller widrigen Umstände haben wir in Whitianga eine gute Zeit, sehen und erleben viel, und haben ein paar richtig tolle Freunde kennengelernt. Die Region Coromandel ist wirklich super schön. Was du hier alles erleben kannst, habe ich hier für dich zusammengefasst. Neben diesen Highlights gibt es aber auch noch weitere tolle und atemberaubende Geheimspots, die ich auf Instagram gefunden habe.

Seit mittlerweile sieben Wochen leben wir bei Karen und ihrem Partner Kevin, und das Zusammenleben mit ihnen ist sehr harmonisch und spaßig. Seit ein paar Wochen steht das Auto zum Verkauf. Wir müssen nur noch warten, bis wir einen Käufer gefunden haben. Ohne einen Van, in dem man auch die Nächte verbringen kann, macht Neuseeland natürlich nicht so ganz so viel Spaß. Deswegen müssen wir uns noch überlegen, wie es weitergeht…  

P.S.: Mir ist bewusst, dass Drogen- und Alkoholsucht sehr ernst zunehmende Erkrankungen sind. Mit diesem Artikel beabsichtige ich nicht, jemanden anzugreifen oder zu verurteilen, sondern lediglich zu berichten, wie die letzten Monate bei uns verlaufen sind.

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Ach Neuseeland, mein Sorgenkind...

 

 

 

 

Aufgewachsen in der deutsch-niederländischen Grenzregion, verließ ich früh mein Elternhaus, studierte Tourismus in den Niederlanden und begab mich auf die Reise. Getrieben von Neugier, Abenteuerlust und auf der Suche nach neuen Herausforderungen, komme ich immer wieder irgendwo an, bleibe und ziehe weiter sobald mich mein Bedürfnis nach Veränderung zum Aufbrechen zwingt. One Lebenskapitel at a time.

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